Autor/-in des Monats

Tomas Espedal
- Autor des Monats August 2020

Kurzbiografie

Tomas Espedal, geboren am 12. November 1961 in Bergen (Norwegen) ist ein norwegischer Autor und Hochschullehrer.

Als Hochschullehrer an der zur Universität Bergen gehörenden Schreibkunstakademie unterrichtete er Ende der 1980er Jahre Karl Ove Knausgård, der zu den ersten Absolventen der Autorenschule gehörte. Sein im Original 2006 erschienenes Buch „Gehen: oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen[1“ machte ihn so berühmt, dass er nicht mehr ungestört anonym durch die Stadt gehen konnte, weil allzu viele unbedingt mit ihm reden wollten. Fortan fuhr er überwiegend mit dem Fahrrad in die Stadt.

„Gemeinsam mit Knausgård hat Espedal die norwegische Wirklichkeitsliteratur erfunden. Mit Büchern, die radikal vom eigenen Leben handeln. „Unsere Literatur war zu gemütlich und behäbig, zu sehr Volvo."
(Zitat Süddeutsche Zeitung)

Schreibstil

„Tomas Espedal behauptet von sich, er würde in jeder Lebenslage schreiben. Immer führe er sein Notizbuch mit sich: „Es ist meine Arbeit. Ich bin ein Schreib-Arbeiter“.“
(Zitat: literaturkitik.de)

Das autobiografische Erzählen mit einem hohen Anteil von Prosa und mit immer wiederkehrenden Zentralfiguren ist ein durchaus festes Elemente der Espedal'schen Bücher.

Umkreist werden immer wieder aufs Neue Verluste von geliebten Menschen und in qualvoller Selbstsuche das eigene Ich sowie das Schreiben als Akt der Selbstvergewisserung.

Und doch erscheint Espedals Wahrheits- und Offenbarungsbestreben zugleich in einem ganz anderen Licht, wenn man sich die Konstruktion seiner Prosa näher anschaut. Der Autor verknüpft verschiedene Textsorten miteinander: Erzählung, autobiografische Notiz, Tagebucheintrag, Gedicht.

Werke (Auswahl)

Nachfolgend sind alle Romane und Novellen aufgeführt sowie weitere Werke, die auf Deutsch übersetzt wurden. Sein Schaffen umfasst u.a. Werke zur Zeitgeschichte, Tagebücher, Lyrik, Reisebeschreibungen, Dramen und Romane und Novellen.

Leseempfehlung von uns

Gehen. Oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Das Buch hat einer unserer lieben und uns inspirierenden Kunden einem Freund geschenkt und es hat mich sehr neugierig gemacht, da ich bekennende Karl Ove Knausgård-Liebhaberin bin. Und was soll ich sagen… ich werde nun alle Espedal-Bücher lesen…

Reisebücher gibt es viele. Doch nur selten so eines, wie es Tomas Espedal geschrieben hat. In seinem Buch „Gehen“ verbindet er Roman und Autobiografie, Gesellschaftsreflexion und Reportage.

„ ´Das Gehen zeigt die Sehnsucht nach einem anderen Leben, die Sehnsucht nach dem Verschwinden, es heißt im Buch, „eines Tages zur Tür hinausgehen und nicht wiederkehren´. Die Hauptfigur des Buches (die in allen Werkten meist autobiografisch bei ihm angelegt ist) verlässt seine Frau und sein Kind und geht los. Sein Traum: Er will ein anderer werden. Dementsprechend sein Albtraum: Auf der Straße jenen Mann zu sehen, ´den du von allen am meisten fürchtest, du siehst dich selbst´.

Die Furcht ist berechtigt, denn dieses Selbst will ihn zerstören, Espedal steckt in einer tiefen Depression, die Ehe kriselt, er trinkt, er steckt in einer ´harten und ernsten Untergangsarbeit´. Als er losgeht, empfindet er zum ersten Mal so etwas Altmodisches wie Glück, durch das Gehen ´geht´ es ihm besser.

Der Weg von sich weg und zu sich selbst führt Espedals Alter Ego durch halb Europa. Leicht ist das Gepäck, doch dandyhaft gepflegt und 0utdoor-mäßig aufgerüstet das Outfit. Zuerst will die Strapaze des Gehens im heimatlichen Norwegen erprobt sein, dann weitet sich der Kreis nach Deutschland und Frankreich, schließlich nach Nordgriechenland und in die südliche Türkei. Mit der Erschöpfung stellt sich die Erhabenheit ein, unauffindbar, Ich-los zu sein: ´Du bist glücklich, weil du gehst.´ Aber da ist auch eine milde Not und Verzweiflung über die Endlosigkeit des Unterfangens und das mögliche Scheitern an sich selbst.

Espedal, lässt sich nicht von urbanen Reizen, sondern vom Gespräch mit den Größen der Kunst inspirieren. Ihm begegnen Rousseau, Giacometti, Satie, Rimbaud. Mit ihnen unterhält er sich über das Gehen.

Manchmal trifft er aber auch auf einen lebendigen Menschen, einen Bekannten aus Bergen zum Beispiel, der ihn gleich aus der Illusion, ein anderer zu sein, in die harte Wirklichkeit zurückholt: Ich´ ist eben doch kein anderer.

Dem Gehen bleibt er trotzdem treu, schlicht aus Selbsterhaltungstrieb. Bevor Espedal aus dem Haus ging, befand er sich in einer tiefen Depression, einer „harten und ernsten Untergangsarbeit“; nur das Gehen verheißt ihm so etwas wie Glück. Beim Rauchen und Trinken bleibt er, das Essen ist ihm nicht sehr wichtig, aber durch das Gehen geht´ es ihm besser.

Das Gehen ist eine Form der Reinigung, das Reisen ´macht uns jünger´.“
(Zitat: nzz.ch)

Espedals „Gehen“ ist ein romantisches Buch, in dem der alte Traum, ein neuer Mensch zu werden, immer spürbar und doch auch immer unerreichbar ist.

„Espedal sucht das wilde Leben, das für ihn gleichbedeutend mit einem poetischen Leben ist; er verschränkt reflexive, kritische und autobiografische Passagen mit epischen und reportagehaften. Dadurch entsteht ein offenes Kunstwerk, wie es Friedrich Schlegel vor gut 200 Jahren vorschwebte.“
(Zitat: literaturkritiker.de)

´Gehen ist ein wundervoll versponnener, lebenspraller Romanessay, der hilft, zur Besinnung zu kommen. Ein fließend schönes Reisetagebuch der besonderen Art.
(Zitat Stefan Berkholz, Deutschlandradio Kultur)

Mein persönliches Fazit:
Die Reise und Gedanken Espedals mögen zunächst eigenwillig und unkonventionell erscheinen, doch mit seiner glasklaren Sprache und seinen stets auftauchenden philosophischen Denkanstößen bringt er einen beim Lesen dazu, stets über sein eigenes Leben nachzudenken.
Ein faszinierendes Buch in vielerlei Hinsicht! Ich hatte beim Lesen und auch danach das Gefühl, es holt mich zurück zur Einfachheit des Lebens.
Für mich steht fest, dass ich all seine Bücher lesen werde.
Nur als kleine Randinfo… Espedal ist zugänglicher als Karl Ove Knausgård ;-)
Manuela Dietzsch

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