Autor/-in des Monats

José Saramago
– unser Autor/-in des Monats Juni 2020

Kurzbiografie

„José Saramago wurde 1922 in dem kleinen Dorf Azinhaga in der portugiesischen Provinz Ribatejo als Sohn eines landlosen Kleinbauern geboren. Zwei Jahre später zog die Familie nach Lissabon. Da seine Eltern ihm den Besuch eines Gymnasiums nicht finanzieren konnten, wurde er an einer technischen Fachschule zum Maschinenschlosser ausgebildet. Die meiste Zeit verbrachte Saramago jedoch in Bibliotheken. Ohne Abitur und Studium, aber begeistert von der Literatur, die er sich als Autodidakt selbst erschlossen hatte, arbeitete er viele Jahre für diverse Verlage und Zeitungen.

Mit über fünfzig Jahren beschloss Saramago, sich ganz der Literatur zu widmen. In Portugal wurde er mit dem Roman »Levantado do Chão« (1980; dt. »Hoffnung im Alentejo«, 1985), einer Familien- und Revolutionschronik über das entbehrungsreiche Leben portugiesischer Landarbeiter, schlagartig bekannt. Zwei Jahre später gelang ihm der internationale Durchbruch mit seinem facettenreichen Meisterwerk »Memorial do Convento« (1982; »Das Memorial«, 1986).

Als sein Roman »O Evangelho Segundo Jesus Cristo« (1991; dt. »Das Evangelium nach Jesus Christus«, 1993) aufgrund von Blasphemie-Vorwürfen von der Vorschlagsliste Portugals für den Europäischen Literaturpreis gestrichen wird, siedelt er nach Lanzarote über. Eines seiner berühmtesten Werke ist die Endzeitparabel »Ensaio Sobre a Cegueira« (1995; dt. »Die Stadt der Blinden«, 1997), die 2008 von dem Regisseur Fernando Meirelles verfilmt wurde.

Saramago wurde mit zahlreichen portugiesischen und internationalen Literaturpreisen geehrt. 1998 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Er starb am 18. Juni 2010.“
(Zitat Literaturfestival.com)

Schreibstil

„Die Romane von Saramago, in denen der bekennende Kommunist und Atheist immer wieder gegen Repressionen jeglicher Art anschreibt und leidenschaftlich für die einfachen Leute Partei ergreift, zeichnen sich durch eine bilderreiche und oft barock anmutende Sprache aus, die häufig durch Ironie oder Sarkasmus gebrochen wird. Kunstvoll kombinieren die Vorstellungswelten des Autors verbürgte Historie mit mythenhafter und auch surrealistischer Fiktion.

José Saramago war insbesondere durch seinen ungewöhnlichen Schreibstil bekannt. Er benutzt in seinen Werken einen ausgeprägten mündlichen Stil, oft verwendet er die Umgangssprache und Dialekte. Seine Ansicht war, dass die mündlichen Überlieferungen eines Volkes und die Lebendigkeit der Kommunikation wichtiger seien als die Korrekturen einer geschriebenen Sprache.

Auch seine Zeichensetzung ist unkonventionell, die meisten seiner Sätze sind über eine Seite lang, Saramago benutzt dabei mit Vorliebe Kommata. Allerdings schafft er es, dass man als Leser trotzdem nicht den Faden verliert.“
(Zitat : herder.de)

Autorenempfehlung

Es gibt derzeit wohl kaum einen Autor, der Romane mit solcher überbordender Phantasie, solch überraschenden und zugleich überzeugenden Einfällen, mit solcher Freude am farbigen Fabulieren und zugleich solch präziser, niemals sich auflösender Erzählhaltung schreibt wie der portugiesische Autor - und doch in Deutschland unverdientermaßen weithin ungelesen bleibt.

Saramago schreibt keine realistischen, keine historischen Romane, er entwickelt vielmehr verschiedene Versionen geschichtlicher Ereignisse. Das wuchernde, durch keine Ordnung gehemmte, mündliche Erzählen befreit dabei ebenso wie das Träumen für Augenblicke von existentiellen Ängsten. Populäre Redensarten, Sprichwörter oder naive Bibelauslegung unterhöhlen Parolen von Staat und Kirche und lassen zugleich neue Mythisierungen entstehen.
(Zitat mein-literaturkreis.de)

Werke von José Saramago

Nachfolgend sind alle Romane und Novellen aufgeführt sowie weitere Werke, die auf Deutsch übersetzt wurden. Sein Schaffen umfasst u.a. Werke zur Zeitgeschichte, Tagebücher, Lyrik, Reisebeschreibungen, Dramen und Romane und Novellen.

Leseempfehlung von uns

„Die Stadt der Blinden“

Dieses Buch habe ich zum Kennenlernen des Autors aufgrund einer Empfehlung eines lieben Kunden gelesen und war bereits nach den ersten Zeilen hin und weg!

Eine Ampel springt auf Grün. Doch der Verkehr fließt nicht. Er steht. Lautes Gehupe, Geschimpfe. Mittendrin im Trubel bewegt sich ein Fahrzeug einfach nicht weiter, weil dessen Fahrer ganz plötzlich erblindet ist. Ein Mann hilft. Macht sich die Situation zu eigen und klaut dem plötzlich Erblindetem sein Fahrzeug. Und erblindet selbst. Eine Epidemie bricht aus. Eine ganze Stadt verliert die Sehkraft.

Was passiert, wenn eine Epidemie ausbricht, die Menschen einer ganzen Stadt plötzlich – scheinbar ohne Grund nicht mehr sehen können? Einer nach dem anderen verliert das Augenlicht.

Saramago spielt in seinem Roman mit der Ohnmacht, der Ohnmacht der Betroffenen und der Regierung. Schließlich steckt sie alle Blinden in ein leerstehendes Irrenhaus, versorgt sie anfangs noch mit Lebensmitteln. Die Machthaber ziehen sich immer mehr zurück, überlassen die hilflosen Menschen sich selbst. Es herrscht das blanke Chaos. Gruppen bilden sich und Frauen verkaufen ihre Körper für Nahrung.

Da wird ein Blinder, einer, der noch nie in seinem Leben sehen konnte, plötzlich zum Sehenden, da es ihm vertraut ist, sich seine verbliebenen Sinne zu verlassen. Eine Eigenschaft, die den plötzlich Erblindeten natürlich fehlt.

Jeder ist sich selbst der Nächste, will nur sich selbst helfen. Nach und nach kristallisieren sich die Charaktere heraus, wie sie wirklich sind. Nichts wird mehr geschönt: Gewalt, Brutalität in Reinform.

Saramago stellt mit seiner Geschichte die Frage nach dem Kern der Menschheit, nach dem Gut und Böse und danach, was sich hinter der Fassade jedes Einzelnen verbirgt. Er zeigt auf, wie wenig die Anderen noch interessieren, kaum dass ein Mensch selbst in Not ist.

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