Autor/-in des Monats

Sibylle Mulot
- Autorin des Monats September 2020

Kurzbiografie

Sibylle Mulot wurde 1950 in Reutlingen geboren. Ab 1968 studierte sie Germanistik und Romanistik in Tübingen, Zürich und Toulouse. In Tübingen promovierte sie 1977 über Robert Musil. Bei der Süddeutschen Zeitung wurde sie von 1977 bis 1979 zur Journalistin ausgebildet.

Seit 1992 ist sie freie Schriftstellerin, die Romane und Erzählungen verfasst, daneben Werke aus dem Niederländischen übersetzt.

Schreibstil

»Eine gewitzte, gescheite, sehr unterhaltende Erzählerin.«
(Zitat: Elke Heidenreich / WDR)

»Die Autorin erzählt in einer Sprache, die glänzt und glitzert wie das Meer zur Hochsommerzeit.«
(Zitat: Nicole Hess / Tages-Anzeiger, Zürich)

Werke

Nachfolgend sind alle Romane und Novellen aufgeführt sowie weitere Werke, die auf Deutsch übersetzt wurden. Sein Schaffen umfasst u.a. Werke zur Zeitgeschichte, Tagebücher, Lyrik, Reisebeschreibungen, Dramen und Romane und Novellen.

Leseempfehlung von uns

Das Horoskop

„Ein strahlender Herbsttag, dunstig verhangen der See, ein Zugabteil. Zwei Frauen stellen fest, dass sie dieselbe Strecke vor sich haben: Lindau–Basel–Paris. Gemeinsam schmuggeln sie die zentnerschwere Handtasche der einen durch den Zoll. Ihr Inhalt? Marzipanbarren. Vor allem für den Sohn. Beim Umsteigen verlieren sich die beiden aus den Augen. Aber nur, um prompt wieder im selben Zugabteil zu landen. Und plötzlich lösen sich die Zungen, Geheimnisse werden verraten, die man sonst nur einem Beichtvater anvertraut – oder eben einer Wildfremden. Was hat es mit dem Bilderbuch-Sohn auf sich, für den das Marzipan bestimmt ist? In Wirklichkeit hat er seit Jahren den Kontakt zu seiner Mutter abgebrochen. Und während die eine erzählt, entdeckt die andere im Fremden auf einmal entsetzlich Vertrautes. So wird gerade der Ort, mit dem man sonst Flüchtigkeit und Übergang verbindet, zur Bühne für ein Lebensdrama. Mit hellsichtiger Ironie und Gelassenheit beschreibt Sibylle Mulot eine Eigenschaft, die zu den Menschen gehört wie die Luft zum Atmen: die Kunst der Selbsttäuschung.“
(Zitat: diogenes.de)

Mein persönliches Fazit:

Falls manch einer behauptet, dass die deutsche Gegenwartsliteratur besonders arm sei an gut geschriebenen und unterhaltsamen Büchern, die gedanklich einen hohen Niveaugehalt haben, dann wäre dies ein Grund mehr, auf Sibylle Mulot aufmerksam zu machen.
Eine der beiden Protagonistinnen ist der Inbegriff einer Pessimistin und wird aufgrund Ihrer hohen Erwartungen an die Menschen ihres Umfeldes oft enttäuscht. Die andere Dame versucht ihr zu zeigen, warum sie eigentlich glaubt unglücklich zu sein und eröffnet ihr damit neue Wege über sich selbst nachzudenken.
Natürlich verbindet die beiden Damen ein gemeinsames Schicksal, das ahnt man schon zu Beginn, doch Seite für Seite baut die Autorin ein Gerüst auf, dass immer tiefer in die Geschichten der Frauen blicken lässt und letztendlich dann die traurige Gemeinsamkeit offenbart.
Kunstvoll verknüpft Sibylle Mulot die Fensterblicke auf die vorbeiziehende Landschaft mit der allmählich sich abzeichnenden, zum Teil verdorrten Landschaft dieses Frauenlebens. Als schließlich das Ziel, Paris, in Sichtweite kommt und die Häuser immer dichter beieinander stehen, verdichtet sich auch das imaginierte Netz der familiären Beziehungen und Gemeinsamkeiten.
Zwar ist das Buch sehr kurzweilig, doch auf den zweiten Blick bringt Sibylle Mulot uns Leser sehr schnell zum Nachdenken und Betrachten seiner jeweiligen persönlichen Erscheinung aus den zwei gegebenen Gesichtspunkten. Aus eigener Sicht, mit festem Vertreten seines eigenen Standpunktes und aus der Sicht der Anderen, des Umfeldes und der Wirkung darauf.
Jede Medaille hat zwei Seiten…

Manuela Dietzsch

Archiv | 2020